Was man will und was man sich so landläufig erwartet von den Dingen des Alltags, das ist höchstwahrscheinlich auch eine Generationenfrage. Vielleicht biegen gerade jetzt ein paar jüngere mittelständische soziale Milieus in eine neue Phase ein. In eine, in der es genügt, dass ein Stuhl ein Stuhl ist. Und nicht ein Objekt, das versucht, mehr zu sein als das. Eine Phase, in der man Überflüssiges weglässt und bald gar nicht mehr merkt, was man denn überhaupt weggelassen hat. Menschen sind anpassungsfähig. Aber so ganz von selbst beweisen sie das ungern. Man darf sie schon sanft schubsen. Auch mit den Mitteln des Designs.
Kerstin Pfleger und Peter Paulhart haben sich einiges vorgenommen, seitdem sie die Klasse Industrial Design bei Stefan Diez an der Angewandten in Wien absolviert haben: eine Aufgabe, die so riesengroß anmutet und doch gleichzeitig irgendwann ganz selbstverständlich werden soll – Dinge neu erfinden. Indem man sie von Anfang an im Entwurf so anlegt, dass sie dem Planeten und der Gesellschaft möglichst wenig schaden. Und dafür wollen die beiden, die zusammen das Studio re.d gegründet haben, den Dingen vor allem eines professionell und konsequent entziehen: die Komplexität.
Da kann es schon helfen, wenn man die Möbel, die man entwirft, schlussendlich möglichst flach verpacken kann, meinen Pfleger und Paulhart. Ein Kollateralnutzen auch jenes Beistelltisches, an dem sie gerade feilen. Jedenfalls nicht schweißen: „Denn so kann man den Tisch später auch wieder in die Einzelteile zerlegen“, sagt Pfleger. Das hilft nicht nur beim ressourcensparenden Lagern und Verschicken. Sondern vor allem auch dabei, den Tisch dort zu halten, wo ihn die Designer gern haben wollen: in einem Kreislauf. „Wir kooperieren auch gern mit der ‚Precious Plastic‘-Initiative, die sich mit dem Recycling von Plastik beschäftigt“, sagt Paulhart. Diesmal kommt die Tischplatte aber aus anderer Quelle: „Sie war früher einmal die Dichtung von Kühlschränken.“
Der Name des eigenen Labels, das sie mit ihren Ideen und Produkten allmählich bestücken, verrät schon ziemlich deutlich, worauf es ankommt: „Reduce“ heißt es. Es war einfach alles zu viel. Zu viel des Guten. Aber vor allem auch zu viel des Schlechten.
Der „Arrival“-Stuhl ist so etwas wie ihr Holz gewordenes Manifest dafür. Ein Resultat der Produktionsbedingungen, die man für den Stapelstuhl veranschlagt hat: Möglichst einfach und nachvollziehbar sollten sie sein. So simpel, dass man den Stuhl im Zweifelsfall auf einer kleinen CNC-Fräse, womöglich in der eigenen Garage, herstellen kann. Die global verknotete Komplexität von Produktionszusammenhängen – den „Arrival“-Stuhl interessiert das alles nicht. Das Studio re.d hat sich im zwölften Bezirk niedergelassen. Die Fräse, die den Stuhl entstehen lässt, steht nur einen Bezirk weiter, im 23. „Das ist natürlich auch aus sozialökonomischer Sicht sinnvoller, wenn das Geld innerhalb der Region zirkuliert“, meint Paulhart. Jedenfalls leitete ein Gedanke den Entwurfsprozess: „Bei diesem Stuhl sollten alle Teile aus einem Material mit einer Maschine in einem Arbeitsvorgang produziert werden können.“ Oder wie Kerstin Pfleger die eigene Maxime des Studios zusammenfasst: „Form follows resource“.
Oder anders gesagt: Die Form folgt der Produktionsmethode. Und diese sollte so einfach wie möglich sein. Damit man sie an möglichst vielen Orten selbst nachvollziehen kann. Das ermächtigt zudem die Designnutzer, an manchen Punkten des Produktzyklus selbst einzugreifen ins Design. Etwa bei Reparaturen. Oder wenn das Material irgendwann bereit ist, wieder etwas Neues zu werden. Oder: Man stellt die Dinge ohnehin selbst her, weil man die Entwurfsskizzen im Internet downgeloadet hat. Oder jene Files, mit dem der 3-D-Drucker die Sollbruchstellen kittet, die manches Industrieprodukt absichtlich mitverkauft. So kann man eigenmächtig die Nutzungsdauer der Dinge verlängern. Und das ist jener Punkt, an dem Pfleger und Paulhart mit ihren Ideen und Entwürfen in die Herstellungsprozesse hineingrätschen wollen. Die Ästhetik der Dinge dabei, sie ist auch eine Konsequenz der Produktionsmethode. Und das ganz bewusst. Wie bei jenem Projekt, das Studio re.d letztes Jahr für die Stadt Wien abgewickelt hat. Fast 500 „Pokale“ sollten es werden, die jene auszeichnen, die an der Internationalen Bauausstellung, der IBA, teilgenommen haben. Es wurde ein Keramikpokal, bei dem der Herstellungsprozess wieder der Ausgangspunkt war. Indem das Designduo eine Maschine im Keramikatelier unkonventionell genutzt hat: In die Vakuumpresse kommen normalerweise die Tonreste, um sie danach wiederverwerten zu können. „Wir haben aber eine Matrize davor gespannt, die dann die Pokale in größerer Stückzahl geformt hat“, erzählt Paulhart. Dadurch war auch gleich eine inhaltliche Referenz gelegt: zum Bauen und der Ziegelproduktion.
Angekommen sind Kerstin Pfleger und Peter Paulhart gleich doppelt: Im zwölften Bezirk gleich neben der ehemaligen Remise der Badner Bahn, wo bald eine „Food Hall“ einziehen soll. Und auch in ihrem „Traumjob“, wie Paulhart meint, „die Wirtschaftsagentur Wien hat uns dabei auch maßgeblich unterstützt“.
Zusammen ist man weniger allein, auch beim Pläneschmieden und Ideenwälzen: Deshalb haben sich Pfleger und Paulhart in der Ateliergemeinschaft „Design in Gesellschaft“ verwurzelt, wo viele Synapsen aus verschiedenen Köpfen regelmäßig zusammengekommen sind, damals noch im 20. Bezirk. Inzwischen sind die beiden ausgeschert, aber nur räumlich. Mit „Design in Gesellschaft“ verbinden Studio re.d nach wie vor viele Projekte. Vor allem seitdem die gemeinsame Ausstellung während der letzten Vienna Design Week ziemlich nachhaltig gewirkt hat. „Wir durften da gemeinsam mit den anderen aus der Ateliergemeinschaft unsere Entwürfe präsentieren, und das hat dazu geführt, dass wir jetzt auch gemeinsam elf Ferienwohnungen in Wien damit einrichten dürfen“, erzählt Paulhart.